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Goethes christliches Heidentum und Hegels philosophisches Christentum

Publié le 02/12/2021

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Goethes Äußerungen über Christus und Christentum bewegen sich zwicheneinem auffallenden Für und Wider, das aber keinem unklarenSchwanken entspringt, sondern einer herausfordernden Ironie, die sichdem Entweder - Oder entzieht. »Mir bleibt Christus immer ein höchst be-34deutendes, aber problematisches Wesen« 32 - eine Bemerkung, die imMunde eines jeden andern der Ausdruck einer trivialen Bildung wäre,während sie bei Goethe eine ganze Welt von gegensätzlichen Denkweisenumfaßt, die seine außerordentliche Mäßigkeit im Gleichgewicht hielt.Goethe bezeichnet sich einmal als einen »dezidierten Nicht-Christen«,dem die Entdeckung der Bewegung der Erde um die Sonne wichtigersei als die ganze Bibel, und ein andermal als den vielleicht einzigenwirklichen Christen, wie Christus ihn haben wollte53 - ein Widerspruch,dem (im gleichen Gespräch) die Bemerkung zur Seite steht:die griechische Knabenliebe sei so alt wie die Menschheit, sie liege inder Natur des Menschen, obgleich sie gegen die Natur sei, und: dieHeiligkeit der christlichen Ehe sei von unschätzbarem Wert, obgleichdie Ehe eigentlich unnatürlich sei!Die gespannte Zweideutigkeit von Goethes Äußerungen über dasChristentum bewährt sich durch 60 Jahre hindurch. Schon das Prometheusfragmentvon 1773 ist nicht nur ein Aufstand gegen die Götter,sondern - wie Jacobi und Lessing sogleich verstanden54 - ein Angriffauf den christlichen Gottesglauben, dem 1774 im »Ewigen Juden« ein solcher auf Kirche und Pfaffen folgt. Ein Jahr später antwortetGoethe an Herder auf dessen »Erläuterungen zum NeuenTestament«, er danke ihm für diesen »belebten Kehrichthaufen«, undwenn nur die ganze Lehre von Christo nicht so ein Scheinbild wäre,das ihn als Mensch rasend mache, so wäre ihm auch der Gegenstandund nicht nur Herders Behandlung desselben lieb. Als er 1781 Lavatersgedruckte Briefe erhält, schreibt er: »Selbst Deinen Christus habeich noch niemals so gern als in diesen Briefen angesehen und bewundert.« Es erhebe die Seele und gebe zu den schönsten BetrachtungenAnlaß, wenn man Lavater dieses »kristallhelle Gefäß« mit Inbrunstfassen und mit seinem eigenen hochroten Trank bis an den Rand füllenund wieder schlürfen sehe. »Ich gönne Dir gern dieses Glück,denn Du müßtest ohne dasselbe elend werden. Bei dem Wunsch undder Begierde, in einem Individuo alles zu genießen, und bei der Unmöglichkeit,daß Dir ein Individuum genug tun kann, ist es herrlich,daß aus alten Zeiten uns ein Bild übrig blieb, in das Du Dein Allesübertragen, und, in ihm Dich bespiegelnd, Dich selbst anbeten kannst;nur das kann ich nicht anders als ungerecht und einen Raub nennen,der sich für Deine gute Sache nicht ziemt, daß Du alle köstliche Federn,der tausendfachen Geflügel unter dem Himmel, ihnen, als wärensie usurpiert, ausraufst, um Deinen Paradiesvogel ausschließlich damitzu schmücken, dieses ist, was uns notwendig verdrießen und unleid-35lich scheinen muß, die wir uns einer jeden, durch Menschen und demMenschen offenbarten Weisheit zu Schülern hingeben, und als SöhneGottes ihn in uns selbst, und allen seinen Kindern anbeten. Ich weißwohl, daß Du Dich dadrinne nicht verändern kannst, und daß Du vorDir recht behältst, doch find ich es auch nötig, da Du Deinen Glaubenund Lehre wiederholend predigst, Dir auch den unsrigen als einenehernen, bestehenden Fels der Menschheit wiederholt zu zeigen, denDu, und eine ganze Christenheit, mit den Wogen Eures Meeres vielleichteinmal übersprudeln, aber weder überströmen, noch in seinenTiefen erschüttern könnt.« Schärfer schreibt er 1788 an Herder: »Esbleibt wahr: das Märchen von Christus ist Ursache, daß die Welt nochI0m stehen kann und niemand recht zu Verstand kommt, weil esebensoviel Kraft des Wissens, des Verstandes, des Begriffes braucht,um es zu verteidigen als es zu bestreiten. Nun gehen die Generationendurcheinander, das Individuum ist ein armes Ding, es erkläre sich fürwelche Partei es wolle, das Ganze ist nie Ganzes, und so schwankt dasMenschengeschlecht in einer Lumperei hin und wieder, das alles nichtszu sagen hätte, wenn es nur nicht auf Punkte, die dem Menschen sowesentlich sind, so großen Einfluß hätte.« Etwa sechs Jahre späteräußert Goethe in einem Gespräch, er habe beim erneuten StudiumHomers erst ganz empfunden, welch unnennbares Unheil der »jüdischePraß« uns zugefügt habe. »Hätten wir die orientalischen Grillennie kennen gelernt und wäre Homer unsere Bibel geblieben, welcheine ganz andere Gestalt würde die Menschheit dadurch gewonnenhaben!« Ebenso heißt es noch dreißig Jahre später in einem Brief anZelter gelegentlich einer Passionsmusik: »Möge der >Tod Jesu< Dirauch diesmal ein frohes Osterfest bereitet haben; die Pfaffen habenaus diesem jammervollsten aller Ereignisse soviel Vorteil zu ziehen gewußt,die Maler haben auch damit gewuchert, warum sollte der Tonkünstlerganz allein leer ausgehen?« Vier Jahre später schreibt er anMüller, er bedaure die Kanzelredner, welche reden müssen und nichtszu sagen haben, weil sie eine »seit zweitausend Jahren durchgedroscheneGarbe« zum Gegenstand haben. Aus derselben Epoche stammtdie Bemerkung zu Zelter über ein Ecce-Homo-Bild: »Jeder, der esanblickt, wird sich wohlfühlen, da er jemand vor sich sieht, dem esnoch schlechter geht als ihm.« Und als man ihm einmal vorwarf, einHeide zu sein, erwiderte er: »Ich heidnisch? Nun, ich habe doch Gretchenhinrichten und Ottilie verhungern lassen; ist denn das den Leutennicht christlich genug?« 55Derselbe Goethe hat aber auch in der Geschichte der Farbenlehre, un-36ter der Überschrift »Überliefertes«, die Bibel als das Buch - nicht nurdes jüdischen Volkes, sondern der Völker bezeichnet, weil es dieSchicksale dieses einen Volkes zum Symbol aller übrigen aufstelle.»Und was den Inhalt betrifft, so wäre nur wenig hinzuzufügen, umihn bis auf den heutigen Tag durchaus vollständig zu machen. Wennman dem Alten Testament einen Auszug aus Josephus beifügte, umdie jüdische Geschichte bis zur Zerstörung Jerusalems fortzuführen;wenn man, nach der Apostelgeschichte, eine gedrängte Darstellung derAusbreitung des Christentums und der Zerstreuung des Judentumsdurch die Welt... einschaltete; wenn man vor der Offenbarung Johannisdie reine christliche Lehre im Sinn des Neuen Testamentes zusammengefaßtaufstellte, um die verworrene Lehrart der Episteln zuentwirren und aufzuhellen: so verdiente dieses Werk gleich gegenwärtigwieder in seinen alten Rang einzutreten, nicht nur als allgemeinesBuch, sondern auch als allgemeine Bibliothek der Völker zugelten, und es würde gewiß, je höher die Jahrhunderte an Bildungsteigen, immer mehr zum Teil als Fundament, zum Teil als Werkzeugder Erziehung, freilich nicht von naseweisen, sondern von wahrhaftweisen Menschen genutzt werden können.« Und schließlich hat Goethein den Wanderjahren (II/1) das Christentum als die »letzte« Religionerklärt, weil sie ein Letztes und Höchstes sei, wozu die Menschheit gelangenkonnte und mußte; erst das Christentum habe uns »die göttlicheTiefe des Leidens« erschlossen.Die nähere Begründung davon ist aber keineswegs christlich und sehrnahe an dem, was Nietzsche unter einer dionysischen Rechtfertigungdes Lebens verstand. Das Christentum gehe nämlich über die antikeHeiligung des Lebens hinaus, weil es auch noch das scheinbar Lebenswidrigepositiv in sich aufnehme. Es lehre uns auch das Widerwärtige,Verhaßte und Fliehenswerte: »Niedrigkeit und Armut, Spott undVerachtung, Schmach und Elend, Leiden und Tod« als göttlich anzuerkennenund sogar Sünde und Verbrechen als Fördernisse zu lieben.Es ist gleich der Natur im »Satyros« »Urding« und »Unding« zugleich,eine umfassende Einheit des sich Widersprechenden. Das Leben,heißt es in dem Fragment über die Natur, ist »ihre schönste Erfindung« und der Tod »ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben«; Geburtund Grab sind ein ewiges Meer.Von diesem Gott-Naturbegriff aus deutet sich Goethe auch die Echtheitder Bibel und ihre Wahrheit. Nicht minder wahr und belebendwie die Erscheinung von Christus gilt ihm aber die Sonne! »Was istecht, als das ganz Vortreffliche, das mit der reinsten Natur und Ver-37nunft in Harmonie steht und noch heute unserer höchsten Entwicklungdient! Und was ist unecht, als das Absurde, Hohle und Dumme, waskeine Frucht bringt, wenigstens keine gute! Sollte die Echtheit einerbiblischen Schrift durch die Frage entschieden werden, ob uns durchausWahres überliefert worden, so könnte man sogar in einigen Punktendie Echtheit der Evangelien bezweifeln... Dennoch halte ich dieEvangelien alle vier für durchaus echt, denn es ist in ihnen der Abglanzeiner Hoheit wirksam, die von der Person Christi ausging unddie so göttlicher Art, wie nur je auf Erden das Göttliche erschienenist. Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurchtzu erweisen, so sage ich: Durchaus! Ich beuge mich vor ihm alsder göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit.Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, sosage ich abermals: Durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarungdes Höchsten, und zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern wahrzunehmenvergönnt ist. Ich anbete in ihr das Licht und die zeugendeKraft Gottes, wodurch allein wir leben, weben und sind, und allePflanzen und Tiere mit uns.« 56So konnte sich Goethe als einen entschiedenen Nicht-Christen bezeichnenund doch zugleich dagegen verwahren, als Heide genommen zuwerden. Was er als göttlich verehrte, war die Produktionskraft imGanzen der Welt, durch die Krieg, Pest, Wasser und Brand ihr nichtsanzuhaben vermögen.57 Zu dieser dionysischen Welt des sich selbstZerstörens und Wiedergebärens gehört auch Christus, dessen Lehreden Bereich des Verehrenswerten bis auf das Fliehenswerte ausgedehnthat. Es klingt wie eine seltsame Vorwegnahme von Nietzsches Ideeeines gekreuzigten Dionysos, wenn Goethe im letzten Monat seinesLebens bei Gelegenheit der Bacchen des Euripides äußert: das Stückgäbe die fruchtbarste Vergleichung einer modernen dramatischen Darstellbarkeitder leidenden Gottheit in Christus mit der antiken einesähnlichen Leidens, um daraus desto mächtiger hervorzugehen inDionysos.58Die innere Folgerichtigkeit dieser Äußerung läßt sich daran ermessen,daß schon im »Ewigen Juden« ein »Sturm und Drang« Christus,welcher es satt hat, so viele Kreuze zu sehen, die unchristlichen Wortespricht: »O Welt voll wunderbarer Wirrung, voll Geist der Ordnung,träger Irrung, du Kettenring von Wonn' und Wehe, du Mutter, diemich selbst zum Grab gebar! Die ich, obgleich ich bei der Schöpfungwar, im Ganzen doch nicht sonderlich verstehe.«Goethes freie und lässige Stellung zum Christentum, welche darauf38beruht, daß er so »richtig gefühlt« hat,59 ist verflacht und verblaßt zueinem Gemeinplatz der Gebildeten des 19. Jahrhunderts geworden,welche meinten, sich auf Goethe berufen zu können, weil sie ihr Mitteltnaßschon für Mitte und Maß hielten. Ein charakteristischer Ausdruckfür das juste milieu dieser bürgerlich-christlichen Bildungswelt war,noch während des ersten Weltkriegs, die beliebte Formel von »Homerund die Bibel«, die man beide im Tornister haben müsse. Dieser christlichgefärbte Humanismus hat noch bis vor wenigen Jahren die mehroder minder frei-religiösen Reden protestantischer Schuldirektorenund Pastoren gestempelt. Man sprach über irgendeinen biblischenText und erläuterte ihn mit Aussprüchen von Humboldt, Schiller undGoethe. Overbeck hat diese Sachlage treffend gekennzeichnet: »Es isteine Manier des heutigen Christentums, in seiner Art sich der Welt zugeben..., wenn sich in der modernen Welt kein bedeutender Menschals Antichrist mehr gebärden kann, ohne mit Vorliebe für das Christentumangerufen zu werden. Das müssen sich unter den Christenmoderner Observanz Goethe und Schiller, Feuerbach, Schopenhauer,Wagner, Nietzsche und jedenfalls noch ihre Nachfahren gefallen lassen... Wir sind in der Tat mit dem Christentum bald so weit, daßuns alle jene großen Herren als fromme Christen viel vertrauter erscheinen,denn als Abtrünnige des Christentums. Und käme es zumErweise einer solchen Auffassung ihrer Person auf weiter nichts an alsdarauf, die Rosinen der >warmen< Töne der Anerkennung für dasChristentum aus ihren Schriften herauszupicken, wer möchte sich nochlange bedenken, sich mit Begeisterung zum modernen Christentum zubekennen!« 60Hegel hat sein »Begreifen« des Christentums niemals als Negationverstanden, sondern als eine Rechtfertigung des geistigen Gehaltes derabsoluten Religion. Die christliche Lehre vom Leiden und von der Erlösungwar ihm maßgebend auch für die Spekulation. Vergeblich würdeman in seinen Werken und Briefen nach ironischen Ausfällen gegendas Christentum suchen, und wo er polemisiert, geschieht es nur gegenungehörige Weisen einer begriffslosen Vorstellung durch bestimmtetheologische Richtungen. Besonders im Alter hat er ausdrücklich dieChristlichkeit seiner Philosophie in Anspruch genommen.61 Mit Rechtkonnte sein Biograph die Hegeische Philosophie als ein »perennierendesDefinieren Gottes« bezeichnen, so sehr war sie eine Philosophieauf dem historischen Boden der christlichen Religion.So eindeutig für Hegel selber seine Vermittlung von Philosophie undChristentum war, so zweideutig mußte sie werden, als eben diese Ver-39mittlung zum Angriffspunkt wurde. Das Moment der Kritik, dasschon in Hegels Rechtfertigung lag, wurde selbständig und frei, alsder Vermittlungscharakter zerfiel. Und weil die Zweideutigkeit, diein Hegels begrifflicher »Aufhebung« der religiösen Vorstellung lag,nach zwei Seiten hin deutbar war, konnte es kommen, daß gerade vonseiner Rechtfertigung die Kritik ihren Ausgang nahm. Sie hat aufGrund von Hegels Vermittlung der Philosophie mit dem Christentumauf ihre Unterscheidung und eine Entscheidung gedrängt. Die Konsequenzdieses Vorgehens stellt sich dar in der Religionskritik, welchevon Strauß über Feuerbach zu Bruno Bauer und Kierkegaard führt.62Auf diesem Weg enthüllt sich mit der Krise der Hegeischen Philosophieeine solche des Christentums.Hegel hat eine eigentliche Krisis in der Geschichte des Christentumsnicht kommen sehen, während sie Goethe um 1830 schon klar vor sichsah. Denn entweder müsse man den Glauben an die Tradition festhalten,ohne sich auf ihre Kritik einzulassen, oder sich der Kritik ergebenund damit den Glauben aufgeben. Ein Drittes sei undenkbar. »DieMenschheit steckt jetzt in einer religiösen Krisis; wie sie durchkommenwill, weiß ich nicht, aber sie muß und wird durchkommen.« 63 Die politischeKrisis haben beide in gleicher Weise empfunden. Den äußerenAnstoß gab die Julirevolution.

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